Foto: cottonbro studio / PexelsCyberangriff auf kritische Infrastruktur einfach erklärt: Was passiert dann?
Was ist kritische Infrastruktur, wie werden Cyberangriffe durchgeführt, was sind die Folgen für Bürger und wie bereitet man sich vor? Einfach erklärt.
Was ist kritische Infrastruktur?
Kritische Infrastruktur (KRITIS) sind die Systeme und Einrichtungen, die für die Grundversorgung der Bevölkerung unerlässlich sind. Wenn sie ausfallen, entstehen schwere gesellschaftliche Schäden.
Das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) definiert in Deutschland neun KRITIS-Sektoren:
- Energie: Stromversorgung, Gas, Mineralöl
- Wasser: Trinkwasserversorgung, Abwasserentsorgung
- Ernährung: Lebensmittelproduktion und -versorgung
- Informationstechnik und Telekommunikation: Internet, Telefon
- Gesundheit: Krankenhäuser, Arzneimittelversorgung
- Finanz- und Versicherungswesen: Banken, Zahlungssysteme
- Transport und Verkehr: Straße, Schiene, Luftfahrt, Schifffahrt
- Medien und Kultur: Rundfunk, Presse
- Staat und Verwaltung: Behörden, Parlament
Wie werden Cyberangriffe auf Infrastruktur durchgeführt?
Cyberangriffe auf KRITIS sind keine Fiktion. In den letzten Jahren gab es zahlreiche reale Vorfälle.
Häufige Angriffsvektoren:
1. Ransomware: Schadsoftware verschlüsselt Systeme und fordert Lösegeld. Beispiel: Angriff auf Colonial Pipeline (USA, 2021) – legte die Treibstoffversorgung der Ostküste teilweise lahm.
2. Spear-Phishing: Gezielte E-Mails an Mitarbeiter kritischer Infrastruktur, die Zugangsdaten stehlen.
3. Supply-Chain-Angriffe: Kompromittierung von Software-Lieferanten, die dann ihre infizierten Updates an KRITIS-Betreiber ausliefern.
4. Industrielle Steuerungssysteme (ICS/SCADA): Ältere Steuerungssoftware in Kraftwerken und Wasserwerken hat oft veraltete Sicherheit.
Was kann in Deutschland passieren?
Szenario 1: Cyberangriff auf Stromversorgung
Ein koordinierter Angriff auf Netzleitsysteme von Energieversorgungsunternehmen könnte:
- Regionale Stromabschaltungen auslösen
- Schaltanlagen in falsche Betriebszustände zwingen
- Wiederherstellung stark verzögern (Tage bis Wochen)
Realbeispiel: Ukraine 2015 und 2016 wurden Teile des ukrainischen Stromnetzes durch Cyberangriffe mehrere Stunden abgeschaltet.
Szenario 2: Cyberangriff auf Wasserversorgung
Angriff auf Steuerungssysteme von Wasserwerken könnte:
- Chemische Dosierung manipulieren
- Pumpstationen abschalten
- Verschmutzungen im Leitungsnetz verursachen
Realbeispiel: USA 2021 – Angreifer erhöhten Natriumhydroxid-Konzentration in Floridaer Wasserwerk (wurde rechtzeitig bemerkt).
Szenario 3: Cyberangriff auf Zahlungssysteme
Angriff auf Banken oder Zahlungsabwickler könnte:
- Kartenzahlungen bundesweit ausfallen lassen
- Geldautomaten sperren
- Online-Banking blockieren
Folge für Bürger: Nur noch Bargeld funktioniert.
Wie wahrscheinlich ist das für Deutschland?
Das BSI meldet in seinen jährlichen Berichten:
- Angriffe auf deutsche KRITIS nehmen zu
- Staatliche Akteure (besonders aus Russland und China) sind bekannte Angreifer
- Kritische Infrastruktur in Deutschland ist besser geschützt als in vielen anderen Ländern, aber nicht immun
Die Einschätzung: Ein vollständiger KRITIS-Angriff der Deutschland lahmlegt ist unwahrscheinlich, regionale und sektorale Störungen durch Cyberangriffe sind realistisch.
Was bedeutet das für die persönliche Krisenvorsorge?
Stromausfall: Gleiche Vorbereitung wie für jeden Stromausfall:
- Wasservorrat (Pumpen brauchen Strom)
- Lebensmittelvorrat
- Licht ohne Strom
- Batterieradio für Informationen
Zahlungssysteme:
- Bargeld griffbereit (200-500 Euro)
- Keine Abhängigkeit von ausschließlich digitalen Zahlungsmitteln
Internet- und Telefonausfall:
- Wichtige Nummern auf Papier
- Offline-Karten auf Smartphone
- Treffpunkte mit Familie vereinbart (kein Handy nötig)
Wasserversorgung:
- Wasservorrat (mindestens 2 Liter/Tag pro Person)
- Wasseraufbereitungsmöglichkeit
Was macht der Staat im KRITIS-Angriffsfall?
Das BSI koordiniert mit Betreibern kritischer Infrastruktur. Es gibt Notfallpläne für:
- Kommunikation mit Bevölkerung über Warnsysteme
- Priorisierung der Wiederherstellung
- Unterstützung durch Bundeswehr und THW
KRITIS-Schutz ist Gemeinschaftsaufgabe: Betreiber sind gesetzlich zu Sicherheitsmaßnahmen verpflichtet (KRITIS-Dachgesetz, BSI-Gesetz).
Fazit: Cyberangriffe auf Infrastruktur – real, aber beherrschbar
Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur sind eine reale Bedrohung, keine Science-Fiction. Die Konsequenzen können sich wie ein normaler Stromausfall oder Wasserausfall anfühlen – mit dem Unterschied, dass die Ursache komplexer und die Behebung möglicherweise länger dauert.
Die Vorbereitung ist identisch: Wasservorrat, Lebensmittelvorrat, Bargeld, batteriebetriebene Kommunikation. Du musst nicht wissen ob der Ausfall durch Cyberangriff oder einen Transformatorenfehler ausgelöst wurde – deine Reaktion ist dieselbe.




